Xreid 22

hart, härter, xreid2022

Raus mit 15 Minuten Verspätung am Checkpoint 2. Knapp 50 Prozent der Teilnehmer mit DNF. Die Hälfte der Finisher länger als 30 Stunden unterwegs. Selbst die Ausdauersport-liebenden Norweger stöhnten. So kann sich selbst ein DNF wie ein (kleines) Finish anfühlen.

Der Plan war gut: Speedhiking, nicht laufen und Pausen so kurz zu halten wie es eben geht. Direkt nach dem Start gleich am Feldende. 800m weiter oben natürlich erstmal schlapp. Im weiteren Verlauf die Position gehalten und hier und dort mal andere Läufer hinter mir gelassen. Blauer Himmel, Sonne satt, Wenig Bäume (nur am Hang unten), Hitze. Und da ich Sonnencreme nicht so gerne mag doch in knielanger Tight, Calves und mit Armlingen unterwegs. Die konnte man zur Abkühlung auch mal ordentlich nass machen. In den offenen Bereichen war es zudem recht windig, in den bewaldeten Hängen eher stickig, aber dafür dann mit mehr Schatten.

Nach fünf Stunden dann der zweite Anstieg. Eigentlich weiss ich immer noch nicht, wie man dort einen Wanderweg markieren kann. Kein Wanderer, der halbwegs bei Verstand ist, macht sowas freiwillig. Geradeaus irgendwie den Berg hoch, wenn es gut läuft, hat man eine gesunde Birke zum Festhalten gefunden, wenn nicht, war diese morsch. Kilometerschnitt an dieser Stelle: 1h und 1 Minute. Nahezu verzweifelt. Aber irgendwie doch oben angekommen. An den Rest bis zum ersten Checkpoint kann ich mich nicht mehr erinnern. Irgendwie über die Hochebene und dann wieder runter.

Boxenstop so kurz wie möglich. Neue Socken, Neues Shirt, Marschverpflegung ergänzt, ein wenig Futter und Getränke von der angebotenen Verpflegung und dann hinein in die Nacht. Zwischenstand: Los um 10:30 abends – also knapp 1,5 Stunden zur Cut-Off-Zeit gut gemacht. Nächtes Ziel Preikestolenhütte vor 12 Uhr mittags.

Es ging direkt los mit dem dritten größeren Anstieg. Diesmal aber recht gut zu gehen, recht gleichmäßig steil, also gut lösbar. Danach ein stetiger Wechsel von kürzeren Auf- und Abstiegen über die Hochebene. Das meiste davon ohne richtigen Weg, aber trotzdem gut belaufbar (siehe „Strecke“). Von 12 bis 4 war es sowas wie dunkel. Die Lampe habe ich nicht gebraucht. Das harte fokussierte Licht der Stirnlampe nimmt mir meist die Räumlichkeit. Solange es nch genügend Restlicht gibt, komme ich ohne Lampe besser zurecht. Schön zu sehen, wie sich die Lichtkegel über die Hochebene verteilt haben. Allerdings auch blöd zu sehen, wenn diese irgendwo ganz weit vorne auf dem Berg oben zu sehen waren. Hier konnte ich aber eine Pace von um die 4,5 bis 5 km/h halten und habe mehrere Läufer überholen und zurücklassen können. Diese Lichtkegel haben sich dann hinter mir mehr und mehr von mir entfernt.

Der Tag begann mit dem langen Abstieg in das Tal in Richtung Lysefjord. Über der Baumgrenze war ja noch alles gut, nicht viele Steine, mehr Sumpf aber ein gutes Vorankommen. Aber mit den ersten Bäumen so gegen 5 Uhr in der früh bei Kilometer 62 fing es langsam an. Erst eher schleichend, dann aber immer deutlicher. Ein ständiger Wechsel zwischen Steinen, Wurzeln, Matsch. Kein geradeaus mehr. Nur noch ein hin und her, ein hoch und runter. Kein Schritt gleicht den anderen. Bloss konzentriert bleiben. Irgendwann war man sich gar nicht mehr sicher, ob bergauf oder bergab besser ist. Bergauf war nun für die müden Muskeln maximal anstrengend, aber man konnte bergauf noch sowas wie einen Rhythmus gehen. Begab von Stein zu Stein zu springen und auszubalancieren war wesentlich fordernder. Den Kilometer habe ich kaum mal unter 25 Minuten absolvieren können. Nur noch 13 Kilometer in den nächsten 6 Stunden. Der Akku der Uhr wollte da irgendwann auch nicht mehr und hat schlapp gemacht. Wenn ich mir die Zeiten der Läufer vor mir anschaue, war in diesem Abschnitt aber auch nicht sonderlich viel Zeit gut zu machen. Hier haben alle gekämpft. Und hier hab ich die Zeit verloren.

Gegen halb 11 sowas wie die Erlösung: raus aus dem Hang – rauf auf die Autobahn. Den Wanderweg zum Preikestolen. Vorbei an hunderten Touristen in Schläppchen und Sneakern auf dem Weg zum Felsplateau 600m über dem Fjord. Die Norweger leisten hier super Arbeit, wenn es darum geht die Top Spots der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Zu Treppen gestapelte und behauene Steine über 4 Kilometer vom Parkplatz (25 Euro) bis zur grandiosen Aussicht. Aber flacher wird die Strecke dadurch nicht. Hin zu Kanzel und über den alten (naturbelassenen) Wanderweg zurück zur Wanderhütte. 15 Minuten zu spät! Restlos ausgepumpt! Trotzdem oder gerade deswegen glücklich. Was wäre wohl… Scheis was drauf …

Orientierung: eigentlich mit GPS. Hab mir aber auch noch ne Karte ausgedruckt. Die meiste Zeit habe ich allerdings darauf geachtet, anderen Läufern folgen zu können. Ist das einfachste. Auch wenn das teils gar nicht so einfach ist. Da wo keine sichtbaren Wege sind, muss man schon dran bleiben. Man kann seine Vorderläufer sowas von schnell aus den Augen verlieren.

Strecke: Man stelle sich vor: eine Fläche, die groß genug ist, dass man einen ganzen Tag darin herumlaufen könnte. Die kippt man mit vielen Steinen zu, die meisten davon eimer- bis kubikmetergroß. Das schiebt man alles ein wenig hin und her, so dass ein auch Profil entsteht. Jetzt schmeißt man Erde, Bodendecker und auch ein wenig Gebüsch mit drauf. An den steileren Abschnitten auch noch Bäume. Da wo es eher flach ist, wässert man ordentlich. Die schönsten Abschnitte sind die flachen Flächen oben mit Bodendeckern. Da muss man die Füße zwar auch ein wenig heben, das ist aber das kleinste Problem. Wo Gebüsch, da eher größere Steine. Achtung: die Löcher dazwischen sieht man nicht. Wenn die Stöcke drin verschwinden, nicht schlimm. Das Bein will man da nicht drin haben. Flach und unten: Sumpf, meist so knöcheltief (manchmal aber auch tiefer – hatte mehrmal Schiss ich bekomme den Schuh dort nicht raus). Die Schuhe bleiben somit ständig nass. Der größte Teil der Strecke ist eine Kombination aus allem oder auch ein schneller Wechsel davon. Manchmal kann man sowas wie laufen. Wenn man Glück hat so 20 Meter. Der Wechsel Laufen und Gehen lohnt sich nur zeitlich. Ist aber wesentlich anstrengender. Hoffentlich hilft das ein wenig für die Vorstellung. An den steileren Hängen sind Nahtoderfahrungen garantiert. Das hier weniger passiert ist in Sachen Verstauchungen, Brüchen oder Abstürzen grenzt an ein Wunder.

Höhenmeter: die einen sprechen von 5000, die anderen von 7000 und mehr für die gesamte Strecke. Wenn man nur die jeweiligen Minima und Maxima addiert, kommt man sicher bei 5000 raus. Das berücksichtigt aber nicht die vielen Steine, die man hoch und wieder runter muß. Das ist wie 2 Stufen hoch, nur um wieder eine runter zu gehen. Die realen Meter, die man sein eigenes Körpergewicht hochwuchten musste ist sicher deutlich höher. Nicht zu vergleichen mit gewanderten Höhenmetern in anderen Gebirgen oder Mittelgebirgen.

Körperliches Fazit: Keine wundgelaufenen Stellen (Babypuder und Zinkoxid hilft), keine Blasen, keine Krämpfe, nur ein paar kleinere Blessuren, keinen Sonnenbrand (ein kleiner ungeschützter Streifen oberhalb der Wade), auch nachts keine Krämpfe, auch ein Tag später kein Anzeichen von Muskelkater, ein wenig “Rücken”… … einfach NUR entkräftet!

Schuhe: Für das Gelände nicht optimal. Festere Sohle und mehr Grip wäre deutlich von Vorteil und auch kraftsparender für die Strecke gewesen. Auf der anderen Seite war die Haglund-Exostose an der Ferse meist schmerzfrei – außer nach längen Bergaufpassagen. Alle anderen Schuhe, die zur Auswahl standen, hätten das nicht bieten können. Sowas wie Pest oder Cholera. Schmerzfreiheit ist hier deutlich angenehmer.

Sicher kann man noch ne ganze Menge mehr schreiben – Essen, Trinken, was jetzt, Training, Stimmung, Mitläufer,… aber ich lass es mal dabei….

Xreid: alle sehr hilfsbereit, egal ob es darum geht am Zielgelände zu zelten, das Handy aufzuladen (hatte keinen Stecker dabei), etc… Viele helfende Hände, immer ansprechbar. Unschön nur: der Xreid feiert nach wie vor nur seine Bezwinger. Nur-Teilnehmer dürfen ihre Dreckwäsche in Empfang nehmen, artig klatschen, mehr nicht. Ob das im Sinne der Sponsoren ist weiss ich nicht. War schon immer so…

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